Me too – ich auch?

Als ich heute im Radio einen Beitrag über aktuellen Stand der #metoo Debatte hörte, dachte ich zunächst: „Puh da hast Du ja echt Glück gehabt, dass Dir sowas nie passiert ist.“

Doch je länger ich zuhörte und darüber nachdachte, um so mehr fielen mir Beispiele aus meinem Leben ein, die man heute ganz klar als inakzeptables Verhalten im Berufsleben einordnen würde.

Direkt nach meiner kaufmännischen Ausbildung arbeitete ich im Controlling eines großen Elektronikkonzerns. Man schrieb das Jahr 1985. Damals war es wohl noch üblich im Büro „Oben-Ohne-Kalender“ aufzuhängen. Als ich die Herren in meinem Büro bat, den Kalender doch abzuhängen, reagierte man mit größtem Unverständnis. „Na gut,“ sagte ich, „dann hängen wir einen Muskelmännerkalender daneben.“ Die Empörung im Kollegenkreis ob dieser dreisten jungen Frau ließ nicht lange auf sich warten. Am Ende hing keiner der beiden Kalender – und ich dachte das Thema habe sich erledigt. Nun ja, ich war jung und naiv.

Einige Jahre später – ich war inzwischen Nachwuchsführungskraft – bat mich mein höchster Vorgesetzter auf dem Oktoberfest, ich solle doch zu dem anwesenden Chef des wichtigen Kunden bitte besonders „nett“ sein. Worauf ich mich schleunigst verabschiedete. Und so ging es weiter: während eines Führungskräfteseminars, an dem ich als einzige Frau teilnahm, wurde ich von gestandenen Familienvätern abends angebaggert. Auch der Abteilungsleiter macht mir beim Vier-Augen-Meeting eindeutige Avancen, die mir unangenehm waren. Ein Kollege fasste mich von hinten an die Schultern und kassierte eine Ohrfeige .

Das Erstaunliche ist, dass ich all das nie als „Belästigung“ gewertet, sondern als normales männliches Verhalten eingeordnet hatte. Und dass mir das alles passiert ist, obwohl ich schon immer recht wehrhaft war und meine Grenzen deutlich gesetzt habe.

Lange hatte ich gehofft, dass diese Zeiten vorbei sind und derartiges Verhalten nicht mehr üblich ist. Leider zeigt die aktuelle Debatte und auch die Beschwerden junger Kolleg*innen, dass es hier immer noch viel zu tun gibt. Wir alle müssen aufstehen und deutlich machen, dass Übergriffe, egal in welcher Form, nicht akzeptiert werden. Zum Beispiel, in dem wir unseren Töchtern und Söhnen beibringen, wie sie sich zu Wehr setzen können – und das fängt beim erzwungenen Küsschen für Tante oder Onkel an.

Diana Franke

Foto: Maximilian Laufer

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