St. Martin: Unerreichbares Vorbild oder Heiliger?

Vorgestern war ich mit meinen Enkeln beim St. Martinsumzug des Kindergartens. 50 Kinder mit Laternen wuselten im Halbdunkeln und später im ganz Dunkeln herum. Die meisten haben elektrische Lichtlein und keine Kerzen mehr. Allzu oft sind Laternen in Flammen aufgegangen. Ein bisschen Nervenkitzel.

Aber vor allem ein schöner Brauch seit 1890 im Rheinland, bei dem an den römischen Soldaten und späteren Bischof von Tours aus dem 4. Jahrhundert gedacht wird. In Amiens soll Martin einem Bettler am Stadttor einen Teil seines Mantels gegeben haben. In der folgenden Nacht erschien ihm im Traum Christus mit jenem Mantelstück. Was er dem Bettler getan habe, das habe er ihm, Christus, getan. Daraufhin ließ Martin sich taufen und wurde später Bischof.

Was hat das mit uns heute zu tun? Wie ist es mit unserem Mitgefühl mit Armut und Elend bestellt?

Ist es normal, dass wieder öfter Bettlerinnen und Bettler in unserem Stadtbild zu sehen sind? Sie stören, sie sind unbequem, sie dürfen eigentlich nicht hier sein, in unserem reichen Land. Das muss doch gar nicht sein. “Warum kommen sie hierher und stellen uns und unsere Lebensweise in Frage?” “Da gibt es doch Spezialisten, die sich darum kümmern sollen.”

Können wir uns wirklich bequem zurücklehnen mit unseren institutionalisierten Hilfesystemen? Reicht es, Hilfe outzusourcen an Diakonie und Caritas?

Oder muss jede*r von uns ein bisschen wie St. Martin sein? Können wir das? Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier, sagte Mahatma Gandhi.

Die Kunst ist, richtig zu teilen. Teilen statt zu spalten.  

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